Mythos Orient Express: Mit dem Interrail-Ticket vom Chiemsee nach Istanbul

Vom Chiemsee über Wien, Bratislava, Budapest, Bukarest und Sofia bis nach Istanbul. Einmal eine ganz andere Reise als sonst. Weder zu Fuß noch mit dem Fahrrad, sondern im Zug. Eine Reise, die mir bewusst gemacht hat, welche Dimensionen Europa doch hat – und wie sehr wir uns glücklich schätzen können, dass praktisch ganz Europa innerhalb weniger Stunden mit dem Flugzeug erreichbar ist.

Die Idee zu der Reise hatte ich schon länger im Kopf. Zugreisen hat mich schon immer fasziniert und die Idee, beispielsweise einmal die Transsibirische Eisenbahn zu nehmen und tausende von Kilometern im Zug zurückzulegen, stand lange fest auf meiner Bucket List. Dank der politischen Lage werde ich die Transsibirische Eisenbahn wohl niemals nehmen können, und so habe ich mich gefragt, was es noch gibt. Da sind zum Beispiel der Texas Eagle, der von Chicago nach Los Angeles 4.390km durch die USA fährt, oder der Indian Pacific, der von Perth nach Sydney auf 4.350km und in 65 Stunden den australischen Koninent durchquert. Und in Europa: der legendäre Orient Express.

Orient-Express: Der König der Züge

Historisch betrachtet kam der Mythos des Zuges nicht allein durch den legendären Komfort der Schlaf-, Speise- und Salonwaggons, auch wenn dieser sicherlich dazu beigetragen hat. So waren die Waggons der 1. Klasse holzvertäfelt und mit elektrischem Licht und fließend Wasser besser ausgestattet, als so manche Wohnung Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.  Das Essen im Speisewagen soll so gut gewesen sein, dass so mancher gourmetbewusste Passagier nur deshalb ein Stück ab Paris mitfuhr.

Das Bestehen des Orient Express ist eng mit der Geschichte des europäischen Kontinents verwoben. Zwei Weltkriege, neue Nationalstaaten, Grenzverschiebungen – der Orient Express fuhr im Laufe seines Bestehens durch ein Europa im Umbruch.

Erdacht war das Projekt vom belgischen Eisenbahnpionier Georges Nagelmackers, dessen CIWL (Compagnie Internationale des Wagons-Lits/Internationale Schlafwagen-Gesellschaft) bereits ein Jahrzehnt vor der Jungfernfahrt des ersten Orient Expresses ein Netz aus Schlafwagen-Verbindungen in Europa aufbaute. Der Orient Express sollte ein luxuriöses Bindeglied der europäischen Metropolen und zwischen West- und Südosteuropa werden. Der Name selbst spiegelt diese Mission wieder: eine Expressverbindung vom Okzident in den Orient. Ein Symbol für Fortschritt, grenzüberschreitende Verbindungen und das langsame Schrumpfen der Welt. 

Am 4. Oktober 1883 war es soweit: Vom Pariser Ostbahnhof machte sich der erste Orient-Express auf den Weg nach Istanbul, das damals noch Konstantinopel hieß und Hauptstadt des Osmanischen Reiches war. In den ersten Jahren war die Reise auf Schienen aber schon an der rumänisch-bulgarischen Grenze zu Ende, von dort nahmen die Reisenden ein Schiff, die Donau entlang und durch das Schwarze Meer bis an ihr Ziel. Erst ab 1888 gab es dann durchgängige Gleise und die Legende nahm ihren Anfang. Die erste Blütezeit wurde durch den 1. Weltkrieg und die Einstellung des Fahrbetriebs zwischen 1914 und 1919 beendet. Neue Routen wurden entwickelt, wie der Simplon-Orient-Express, der über Mailand, Triest und Zagreb die deutschen Gebiete umfuhr. Der klassische Orient-Express über München und Wien wurde später wieder aufgenommen, allerdings spielten neue Routen wie der Simplon Orient Express nun eine wichtigere Rolle. 

Die goldene Ära des Orient Express war die Zeit zwischen den Weltkriegen. Mit Agatha Christies Roman Mord im Orient Express, von 1934, wurde der Zug endgültig zur Legende: ein abgeschlossener Raum voller Geheimnisse, mit mysteriösen Fahrgästen aus allen Teilen Europas: Filmstars, Spione und sogar Könige. So heißt es, König Ferdinand I. von Bulgarien bestand darauf, im bulgarischen Teil der Route mitzufahren und sogar die Lokomotive zu steuern. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 wurde der Verkehr zwar wieder aufgenommen, aber der langsame Niedergang hatte begonnen. Die politische Lage mit ihren Spannungen zwischen den Ostblockstaaten und Westeuropa machte es immer schwieriger, die Bahngesellschaften zur Zusammenarbeit zu bewegen. 

1977 fuhr der letzte durchgängige Personenzug von Paris nach Istanbul – danach gab es bis 2009 kürzere Abschnitte, die noch als Orient Express bezeichnet wurden. Seitdem gibt es noch ab und zu Museumszüge, in denen für horrende Ticketpreise der alte Zauber noch einmal erlebbar ist. Im kollektiven Gedächtnis lebt der Orient Express weiter fort und wurde zur Erinnerung an eine Zeit, in der Reisen noch beschwerlich und lang war.

Meine Reiseroute: Eine Hommage

Die Idee war geboren: Auf den Spuren dieses legendären Zuges durch Südosteuropa zu reisen. Einen der rar gewordenen Museumszüge konnte ich mir definitiv nicht leisten, sodass schnell klar war, dass ich mir selbst meine Route zusammenstückeln musste.

Wien war der erste Zwischenstopp, noch heute ein wichtiges Drehkreuz für die Nachtzüge der ÖBB. Danach folgte das nahe gelegene Bratislava, denn die Hauptstadt der Slowakei war keine Stunde Fahrtzeit von Wien entfernt. Von dort ging es nach Budapest (Ungarn) gehen, um den Nachtzug nach Bukarest (Rumänien) zu nehmen. Ab Bukarest noch ein Abstecher in die bulgarische Hauptstadt Sofia, bevor der zweite Nachtzug der Reise mich bis an mein Ziel Istanbul beförderte.

Insgesamt 2.261km, sieben Länder und fast 48 Stunden reine Fahrtzeit.

Hör dir die Podcast-Folge an, um meinen gesamten Reisebericht zu hören. Inklusive beruhigendem Nachtzugrauschen im Hintergrund 🙂


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