100 Kilometer in 24 Stunden: Mammutmarsch Madrid 2026

Der Heilige Gral des Extremwanderns

Im Februar 2026 habe ich mich zum zweiten Mal einer der größten Wanderherausforderungen gestellt, die es gibt: 100 Kilometer in 24 Stunden. Der Heilige Gral des Extremwanderns. Bei meinem ersten Versuch in 2023 habe ich nach 44km aufgegeben. Ich war nicht genug vorbereitet auf diese massive körperliche und mentale Herausforderung. Diesmal sollte das anders sein.

Zusammen mit Mo melde ich mich zum Mammutmarsch in Madrid an, bereits im Sommer zuvor. Ich bin entschlossen, es noch einmal zu probieren. Ich gehe das Projekt mit Strategie an. Mo hat die 100km bereits drei Mal geschafft und ist beim Mammutmarsch in Essen, NRW und Berlin ins Ziel gekommen. Mit einer so erfahrenen Person an meiner Seite fühle ich mich zuversichtlich. Es gibt nämlich praktisch kein Szenario in dem Mo nicht ins Ziel kommen könnte. Zusätzlich ist der Marsch in Spanien auch noch schön weit weg von Zuhause, was eine Aufgabe während des Marsches noch unwahrscheinlicher macht. Der Einsatz ist höher: Hinfliegen, Unterkunft buchen, feste Reisedaten. Und das Wetter im Februar dürfte auch nicht schlecht sein.

Voller Vorfreude fliegen Mo und ich in die spanische Hauptstadt. Für Mo das erste Mal in Madrid, für mich bereits mindestens das vierte oder fünfte Mal. Trotzdem ist es auch für mich toll, durch die Gässchen und über die Plätze zu flanieren. Ende Februar ist es zwar auch hier noch recht frisch, aber in der wärmenden Sonne lässt es sich in den zahlreichen Cafés gut aushalten. Während wir die ersten Tage mit Sightseeing verbringen, steigt die Vorfreude und Nervosität bei mir an.

Der Start: Auf ins Abenteuer!

Am Tag vor dem Marsch holen Mo und ich unsere Startbänder ab und begutachten den Start- und Zielbereich in der Casa de Campo, der direkt neben einem künstlichen See in dem riesigen Park aus dem Boden gestampft wurde. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Abends packe ich meinen Rucksack vor und überdenke ein letztes Mal meine Strategie. Mentale Stärke, Durchhalten, Nicht Aufgeben – das ist das entscheidende Element. Daran hat es bei meinem ersten Marsch gehapert. Doch diesmal nicht.

Der nächste Morgen kommt taufrisch und knackig kühl. Schon in der Metro treffen wir auf andere Marschteilnehmer:innen. Viele der anderen Teilnehmenden sind deutsche Mammutfans, erkennbar an ihren Rucksäcken voller Finisherbändchen und Mammut-Glücksbringern. Vor dem Startbereich versammeln wir uns. Eine Ansage auf spanisch und deutsch informiert uns darüber, dass die Strecke letzte Nacht noch kurzfristig geändert werden musste. Regenfälle der letzten Wochen haben einige Erdrutsche ausgelöst. Ich aktualisiere die Route auf meinem GPS-Gerät, dann geht es auch schon los.

„MARCHA DEL…“, ruft die spanische Ansagerin und wir schreien inbrünstig zurück: „…MAMMUT!“

Dann kommt der Countdown und wir sind unterwegs.

Die ersten Kilometer verfliegen. Es ist angenehm warm für Februar, heute sogar bis zu 18 Grad, typisch für das Zentrum Spaniens. Wir wandern bald aus der baumbewachsenen Casa de Campo heraus, immer wieder wechselnd zwischen Vororten und Niemandsland. Der Blick reicht bis zu den schneebedeckten Bergen am Horizont, als wir immer weiter über staubige Pisten laufen.

Mentale Strategien für 100 Kilometer

Mein erster Versuch, die 100 Kilometer zu wandern, war beim Bödefelder Hollenmarsch 2023. Ich habe nach etwa 40 Kilometern das Handtuch geworfen. Warum? Das habe ich mich vor dem Mammutmarsch in Madrid oft gefragt. Auch, um eine bessere Strategie zu entwickeln, die mir helfen sollte, diesmal die 100 Kilometer zu schaffen.

Was vor allem zu meinem Scheitern 2023 beigetragen hat, waren mehrere Faktoren: ich bin zu schnell gestartet und leicht zu schnell gewandert. Ich habe nicht gleichmäßig genug getrunken und gegessen. Ich habe an den Verpflegungsstationen zu viel Zeit vertrödelt. Und mir hat schließlich der Gedanke an das große Ganze, die unendlich weite Strecke vor mir, den Rest gegeben.

Für den Mammutmarsch in Madrid 2026 sollte das alles kein Problem sein. Mein Tempo habe ich ganz genau im Blick behalten und jedes Mal, wenn es ansatzweise zu schnell für meinen Geschmack war, gedrosselt. Meine Garmin-Uhr hat mich alle 15 Minuten daran erinnert, ein paar Schlucke mit Elektrolyten versetztes Wasser zu trinken. Pause haben wir nur an den Verpflegungsstationen gemacht, aber nur streng auf Zeit. Und ich habe nur in Etappen von VP zu VP gedacht, nicht in Gesamtkilometern. Das alles hat für mich sehr gut funktioniert und hat mir das Gefühl gegeben, alles erdenkliche getan zu haben, um die Schwachpunkte meines ersten 100-Kilometer-Marsches zu managen.

Bis Kilometer 43 ist alles im Lot. Wir kommen gut voran, die Strategien funktionieren. Wir erreichen den dritten Verpflegungspunkt (von insgesamt sechs) genau kurz vor Sonnenuntergang und nehmen uns Zeit. Die Füße wollen verpflastert werden, denn langsam beginnen sich dann doch erste wunde Stellen zu zeigen. Die Jacken wollen angezogen werden, denn nachts soll es auf unter 5 Grad herunter kühlen. Und zu guter Letzt wollen die Vorräte aufgefüllt werden – denn der nächste VP ist einen ganzen Halbmarathon entfernt. Wir versorgen uns, packen die Stirnlampen aus, und dann geht es in die aufziehende Nacht.

Der absolute Tiefpunkt

Auf der Etappe zum vierten VP erreiche ich bei Kilometer 55 mein absolutes Tief. Ich kann einfach nicht mehr. Meine Beine fühlen sich an wie zwei Metallstelzen, die jemand mir an den Oberkörper geschraubt hat. Von der Hüfte abwärts tut alles weh. Mo gibt alles, um mich aus dem Loch herauszuholen. Wir spielen das Ablenkungs-ABC, bei dem wir abwechselnd zu einem bestimmten Thema Worte mit den Anfangsbuchstaben des Alphabets finden müssen (z.B. zum Thema Bäume: A wie Ahorn, B wie Birke, usw.). Mein Gehirn braucht elend lange für die einfachsten Begriffe, aber das Spiel erfüllt seinen Zweck. Es geht weiter, Schritt für Schritt. Langsam, aber stetig.

Irgendwann erreichen wir die elendige VP 4 und 64 Kilometer sind geschafft. Die VP ist am Boden eines kleinen Stadions und ich lasse mich entmutigt am oberen Rand der Stufen auf den Boden fallen. Mo erbarmt sich und holt mir eine Suppe. Unterdessen schaue ich mir einen kleinen Zettel an, den ich vorbereitet habe und auf dem die Distanzen von VP zu VP eingetragen sind. Nur in Etappen denken. Ich starre auf meinen Zettel und mein Hirn versucht, aus den Zahlen schlau zu werden. Nur noch 11,1 km bis zum nächsten VP. Dann 15 km zum letzten VP. Und 9 km bis ins Ziel. Die lächerliche Summe von 35 Kilometern fügt sich vor meinem geistigen Auge zusammen. Das ist eine Zahl, die ich begreifen kann. Von der ich weiß, dass ich sie schaffe. Und schlagartig verschwindet der Schmerz und die Müdigkeit und wird durch eine bohrende, energische Entschlossenheit ersetzt, von der ich nicht gedacht hätte, dass ich sie noch in mir habe.

Bis ins Ziel

Der Rest des Marsches vergeht nicht wie im Flug. Eher zäh, aber stetig. Wir wandern weiter und Kilometer für Kilometer nähern wir uns dem Ziel. Aufhören wäre jetzt, so „nah“ am Ziel, einfach absurd. Mo hat nach mir nun den eigenen Tiefpunkt erreicht und ich gebe mein Bestes, die treibende Kraft in unserem Gespann zu sein. Der Schmerz hat sich mittlerweile auf meinen Fußsohlen konzentriert. Ich habe es aufgegeben, an den VPs nachzusehen. Ich habe sowieso schon alle meine Pflaster aufgebraucht. Beim letzten Verpflegungspunkt komme ich kurz in Sekundenschlaf. Nur noch 9 Kilometer verbleiben. Wir schleppen uns weiter. Können wir überhaupt jemals aufhören, zu gehen? Der Himmel beginnt langsam heller zu werden, ganz allmählich. Farben kehren zurück, so langsam wie wir uns mit unseren schmerzenden Füßen fühlen.

Kurz vor dem Ziel biegen wir noch einmal für weitere drei Kilometer auf eine Schleife ein, um auch wirklich die 100 Kilometer voll zu machen. Eine Gruppe spanischer Wanderer macht sich nicht mehr die Mühe und läuft direkt zum Ziel, das wie um uns zu ärgern nur wenige hundert Meter entfernt ist. Mo und ich laufen weiter. Warum uns jetzt so kurz vor dem Ziel noch selbst betrügen? Ich weiß, dass wir es auf jeden Fall schaffen.

Als wir kurz vor dem Zieleinlauf den See im Casa de Campo umrunden, kommen gerade die ersten Sonnenstrahlen über die Baumwipfel. Wir hören schon die Menschen, die ehrenamtlich die Einlaufenden anfeuern und die Medaillen verteilen.

Und dann fange ich an zu rennen, ein paar hundert Meter noch. Mo und ich überqueren rennend die Ziellinie, strahlend und voller Energie.

Woher diese plötzliche Kraft kommt, die mich da durchflutet, ist mir ein Rätsel. Aber ich weiß – in diesem Moment fühlt es sich an, als könnte ich noch mindestens weitere 20 Kilometer wandern.

Ich weiß, dieser Mammutmarsch in Madrid wird nicht mein letzter gewesen sein.


Hör‘ dir die Podcast-Folge zu unserem 100-Kilometer-Marsch an:

https://open.spotify.com/episode/428JVDVjM8RHuSch8yBA5p?si=ioG4uiy4TWCF_4J65DTW4A

Wenn dir die Episode gefällt, folge meinem Podcast auf Spotify oder Apple Podcasts und lass eine Bewertung da – das unterstützt meine Arbeit und hilft, dass der Podcast mehr Menschen erreicht. 🙂